Ihr habt es gut

mehrsehn · Dezember 01, 2016 · Gedanken · 0 comments

Ihr habt es gut – ein Satz, den man als „Aussteiger auf Zeit“ fast täglich zu hören bekommt.

Man hört ihn von Urlaubern mit großen Kulleraugen, offenstehenden Mündern und dem kurzen Aufblitzen von Neid im Blick, von frierenden Daheimgebliebenen, gönnenden Freunden und stolzen Familien.

Ein Satz, der uns seit Beginn unserer Reise verfolgt und das vorherige „Das ist aber mutig“ geduldig ablöste.

Nun was antwortet man darauf?

Ja und ja.

Ja, uns geht es gut und ja, wohl auch weil wir mutig sind.

Eine Reise zu unternehmen ist kein Pauschalurlaub, in dem man sich 14 Tage entspannt, das gute Leben am Pool genießt und zwischen Cocktail Nummer zwei und sieben darüber philosophiert, dass das Dritte-Welt-Land, da hinter den dicken Mauern des Resorts, ja gar nicht so arm aussah – auf der organisierten Fahrt zwischen Flughafen und dem schönen Leben.

Eine Reise zu erleben bedeutet nicht,  dass man besonders viel Glück oder besonders viel Geld hat, oder sich plötzlich die eine besondere Chance im Leben ergeben hat, die Anderen verwehrt bleibt – dass irgendetwas außergewöhnlich besonders ist, außer vielleicht der ausgeprägte Wille, mehr zu machen als früh aufzustehen, auf Arbeit zu gehen und die Tage bis zum Wochenende zu zählen.

Der Wille, mehr zu sehen, der Mut, aus der eigenen Komfortzone auszubrechen, die Überzeugung, dass es danach schon irgendwie weitergehen wird, die Gelassenheit, ohne Erwartungen das zu begrüßen was kommt, die Fantasie, aus weniger mehr zu machen und das Interesse daran, sich auf Dinge einzulassen, die so ganz anders sind, als das Gewohnte.

Die Geduld und Disziplin, immer und immer wieder zu recherchieren, zu planen, zu buchen, zu überlegen und zu rechnen. Das ist es. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Reisen bedeutet eben nicht, sich im süßen Nichtstun treiben zu lassen, sondern dran zu bleiben, achtsam zu sein, sich inspirieren zu lassen, einzulassen und auch manchmal absolut keine Lust mehr zu haben.

Reisen bedeutet, über 10 Stunden in einem stinkenden Zug zwischen Ungeziefer und Hühnern zu sitzen und dabei nichts zu trinken, da man Angst vor dem Toilettengang hat.

Reisen bedeutet, sich in einem Moskitonetz einzuwickeln um sich nicht nur vor 1000 Mücken, sondern auch vor fünf cm großen Kakerlaken zu schützen und dabei nach widerlich ätzendem Insektizid zu stinken.

Reisen bedeutet, festzustellen, dass giftige Spinnen auch springen und kleine Geckos in wenigen Nächten fast jeden Winkel des Badezimmers vollkacken können.

Reisen bedeutet, sich zwei Tage von Nüssen zu ernähren, da man keine Möglichkeit hat, zum Supermarkt zu gelangen.

Reisen bedeutet, Nächte in Flughäfen zu verbringen – im grellen Licht der Werbetafeln, auf unbequemen Stühlen und frierend, dank viel zu kalt eingestellter Klimaanlage.

Reisen bedeutet, mal nicht jeden oder jeden zweiten und auch nicht jeden dritten Tag Haare waschen zu können, sondern sich zu freuen, wenn das kleine Rinnsal kalten Wassers aus der Dusche fürs Zähneputzen reicht.

Reisen bedeutet, mit Händen und Füssen zu kommunizieren und trotzdem in planlose Gesichter zu schauen – orientierungslos, genervt, verzweifelt, wütend und auch mal traurig zu sein.

Reisen bedeutet, darüber lachen zu können – zumindest irgendwann im Nachhinein.

Reisen bedeutet, seinen 20-Kilo-Rucksack aufzuschnallen, den leichten Schmerz im Rücken zu ignorieren und sich auf die nächsten Eindrücke zu freuen.

Wir haben es wirklich gut.

 

Silvester in Bangkok

Nächtlicher Besuch

Alternative zu Nüssen

Reisefreuden

Irgendwo zwischen Hier und Dort

Mitbewohner

Reiseplanung bis spät in die Nacht

Outdoor Cooking

Auf zu neuen Abenteuern!

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